11. Mai 2023 | Jonas Milk | Interview | Bauen im Bestand | Flächeneffizientes Bauen

Ein sinnvoller Umgang mit dem Zwang, anders bauen zu müssen

Interview

Interview mit Dilek Ruf, Architektin und Geschäftsführerin von BBU.Projekt Architekten BDA sowie Landesvorsitzende des BDA Niedersachsen, zur Suffizienz im Wohnungsbau.

Der Begriff Suffizienz lässt sich übersetzen mit „das richtige Maß“ oder „ausreichend“. Bauen wir in Deutschland zu häufig maßlos?

Ja, und zwar in vielerlei Hinsicht. Das eine ist natürlich, dass wir in den Anforderungen, die wir etwa an den Brand- oder Schallschutz formulieren, nicht Maß halten – im Gegenteil: Wir stellen fest, dass wir noch nicht 100 Prozent erreicht haben, setzen dieses Ziel aber als Messlatte und verschärfen immer weiter. Bezogen auf bodenpolitische Themen muss man natürlich ebenso feststellen, dass Suffizienz nicht unsere Stärke ist.

Zwischen 1991 und 2021 ist die Wohnfläche pro Einwohner*in in Deutschland – natürlich auch demographisch bedingt – von 34,9 auf 47,7 m² gestiegen. Wie kann die Architektur hier zu einer Reduzierung beitragen, ohne dass Nutzer*innen auf hohen Wohnkomfort verzichten müssen?

Portrait Dilek Ruf, BDA Niedersachsen

Dilek Ruf studierte Architektur an der TU Darmstadt und arbeitete anschließend bei MMZ Architekten, bevor sie 2012 BBU.Projekt Architekten gründete. Die Mutter zweier Kinder ist in diversen Beiräten aktiv und seit Anfang 2022 Landesvorsitzende des BDA.

Ich denke, es ist eine dringliche Aufgabe der Architektur, genau solche Konzepte zu entwickeln. Und meines Erachtens hat das viel mit Anpassungsfähigkeit zu tun. Im Einfamilien-Hausbau – bei dem wir uns ja ohnehin die Frage stellen müssen, ob diese Typologie mit Blick auf den Flächenverbrauch zukunftsfähig ist – fehlt zu oft die Flexibilität, das Gebäude nach Auszug der Kinder anders aufzuteilen und zum Beispiel einen Teil zu vermieten. So wohnen dann plötzlich ein oder zwei Leute auf 150 und mehr Quadratmetern, weil die Häuser meist nur auf einen Lebensabschnitt zugeschnitten sind. Was den Geschosswohnungsbau angeht, ist diese Flexibilität für eine einzelne Einheit noch schwieriger zu erreichen. Hier ist zum einen eine hohe Durchmischung an verschiedenen Wohnformen wichtig. Aber das viel größere Hindernis ist, dass sich nach 20 oder mehr Jahren Mietzeit bei einem Umzug die Fläche reduziert, aber die Kosten unter Umständen sogar höher sind. Da ist es sinnvoll, wenn etwa Genossenschaften zunehmend Tauschmodelle anbieten. Da ist aber tatsächlich dann eher die Wohnungswirtschaft gefragt, weniger die Architekt*innenschaft.

Dilek Ruf Gropiushaus

Dilek Ruf geht neben ihrem Amt als Landesvorsitzende des BDA Niedersachsen e.V. Tätigkeiten als Gastkritikerin und Fachreferentin nach.

Stichwort „Leistungsphase 0“: Welche Voraussetzungen braucht ein Architekturbüro, um suffizienteres Bauen umsetzen zu können? Und welche Parameter sind hierbei entscheidend

Zunächst einmal Auftraggeber*innen, die gewillt sind, Projekte anders umzusetzen als sie es schon immer getan haben. Und wir haben das Glück, dass wir auch mit eben jenen arbeiten dürfen, die dazu bereit sind, oder sogar selbst mit Ideen zu uns kommen. Das Zweite ist tatsächlich, dass die gesetzlichen Leitplanken inklusive der 20.000 baubegleitenden Vorschriften inzwischen so viel Raum einnehmen, dass sie unserer Arbeit ein Stück weit den Fokus nehmen. Statt um das effiziente, durchdachte und qualitätvolle Entwerfen und Umsetzen, dreht sich ein großer Teil unserer Prozesse darum, ja keine Lücken zu lassen und rechtlich unangreifbar zu sein. Und solange sich das nicht ändert, haben wir und unsere Auftraggeber*innen in der Praxis häufig leider wenig Chancen, Vereinfachung, Suffizienz und Reduktion zu ermöglichen.

Von Ihnen stammt der Satz „Früher haben wir mit 15 Materialien ein Haus gebaut. Heute sind in einer Wandkonstruktion schon 15 verschiedene!“ Was können wir in puncto Suffizienz von den traditionellen Bauweisen übernehmen? Und inwiefern wirkt sich ein „einfacherer“ Materialeinsatz auch auf die Nutzungsphase, spätere bauliche Eingriffe etc. aus?

Ich glaube, wir können viel von unserem Bestand lernen, sowohl strukturell als auch bezogen auf die Materialkomplexität. Diese ist schon ein wesentlicher Faktor, den man im Fokus haben muss, wenn es um die Nachnutzbarkeit von Gebäuden oder ihren Bestandteilen geht. Wenn wir uns vorstellen, dass wir eben diese 15 Materialien in einer Trockenbauwand zu einem Badezimmer haben, dann muss man auch plausibel erklären, was passieren soll, wenn diese irgendwann nicht mehr gebraucht wird. Wenn wir aufhören wollen, Gebäude nur für ein paar Dekaden zu bauen, dann ist so eine Komplexität nicht hilfreich. Die zweite Fragestellung ist sicherlich die der konstruktiven wie technischen Komplexität, die mittlerweile ein Ausmaß angenommen hat, dass wir eigentlich auch nicht wirklich beherrschen. Wenn man sich auf der Baustelle anschaut, wie ein Sockeldetail aussieht, wundert man sich auch nicht, dass immer mehr Baufehler entstehen – schauen Sie sich die Statistiken der Versicherer an! Eigentlich bauen wir ja keine Weltraumstationen, aber die Vielfalt an Materialien und die damit verbundenen Verarbeitungsrichtlinien sind mittlerweile wahrscheinlich ähnlich hoch. Gleichzeitig gibt es viele Handwerksbetriebe, die faktisch keine handwerklichen Lösungen mehr anbieten, weil diese keine Zulassung haben: Wir haben zwar 300 Jahre so gebaut, aber jetzt fehlt der Nachweis, und dann müsste es eine Einzelfall-Prüfung geben – das ist doch Irrsinn!

Workshop Suffizienz im Wohnungsbau auf dem Heinze Klimafestival

Auf dem Klimafestival 2022 in Düsseldorf forderte Dilek Ruf eine Allianz zwischen Industrie und Architektur.

Bei einem Workshop von KS-Original auf dem Heinze Klimafestival haben Sie beklagt, dass sich die Auflagen bei der Sanierung von Bestandsbauten quasi jährlich ändern würden. Was muss sich in diesen Bereichen ändern, um suffizientes und nachhaltiges Bauen zu fördern bzw. überhaupt zu ermöglichen?

Meines Erachtens muss es hier wirklich einen Cut geben: Wir sollten dem Bestand nicht mehr abverlangen als das, was er kann. Natürlich müssen die Gebäude sicher sein und gewisse Standards einhalten. Aber es ergibt für mich keinen Sinn, dass ich bei einer Nutzungsänderung – etwa von einem Büro- in ein Wohngebäude – baurechtlich heutige Richtlinien einhalten muss und wir plötzlich Anforderungen wie an einen Neubau stellen und nicht wie an ein vergleichbares Gebäude aus der Zeit. Hier wäre es doch sinnvoll, zwischen „Must-Haves“, an denen sich auch die Rechtsprechung orientiert, und „Nice-To-Haves“ zu differenzieren

Im gleichen Workshop haben Sie auch eine Allianz zwischen Industrie und Architektur gefordert, die sich dem zukunftsfähigen Bauen verschreibt. Wie könnte diese aussehen?

Wir könnten zum Beispiel darüber nachdenken, wie wir zu weniger komplexen Konstruktionen kommen. Dabei sind wir auf jeden Fall auf die Industrie angewiesen, die die Produkte herstellt und normieren lässt. Hier können wir als Planer*innen aber umgekehrt auch Input geben, was aus unserer Sicht sinnvoll und nötig ist, und welches Produkt vielleicht nur die neue Alternative für ein längst gelöstes Problem darstellt. Dabei würde es auch helfen, wenn alle Beteiligten ins Gespräch kommen und nicht alle Hersteller und Gewerke an ihrer eigenen Haustür stoppen. Vielleicht irre ich mich, aber aus dem, was ich so tagtäglich auf unseren Baustellen sehe, muss ich resümieren, dass wir in jedem Moment, in dem ein weiteres Produkt dazu kommt, vor einem neuen Problem stehen – nicht vor Lösungen.

Zum Abschluss ein Blick in die Glaskugel: Die Begriffe Effizienz, Konsistenz und Suffizienz etablieren sich als Nachhaltigkeitsstrategien auch im Bau zunehmend. Inwiefern wird darüber hinaus auch die Resilienz im Entwurf und der Realisierung von Gebäuden eine wichtige Rolle einnehmen?

Mich erinnern diese Begriffe ehrlich gesagt immer ein wenig an die „-ismen“ in der Politik, das bekommt schnell einen dogmatischen Klang. Im Grunde genommen kann man es herunterbrechen auf den Anspruch, vernünftig und verantwortungsvoll zu bauen. Gebäude müssen nutzungsoffen und anpassungsfähig sein, so konzipiert werden, dass sie auch in 100, 200 oder 300 Jahren noch Gültigkeit haben. Und wenn wir sie doch mal abbrechen müssen, sollten sie vernünftig auseinandergenommen und ihre Bestandteile weiterverwendet werden können. Aktuell herrscht in unserer Branche leider immer noch ein gewisses Maß an Unvernunft vor. Der Club of Rome hat uns vor 50 Jahren mit seiner Studie „Die Grenzen des Wachstums“ schon bescheinigt, dass wir etwa 100 Jahre haben, bis die Ressourcen, die dieser Planet bietet, abgeschöpft sind – endliche Ressourcen, die wir – gleich in welche Branche blicken – regelmäßig zu Müll erklären. Wir haben jetzt Halbzeit, und das Abschöpfen dieses Planeten hat nochmals deutlich zugenommen. Selbst in unserer komfortablen „ersten Welt“ haben wir inzwischen mit den Auswüchsen zu kämpfen. Insofern ist es für mich weniger eine Frage der Begrifflichkeiten oder des Wollens, sondern eher ein sinnvoller Umgang mit dem Zwang, anders bauen zu müssen, der entscheidend ist.

Autor
Jonas Milk

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