Wohnen mit Pauschalmiete und Energieflatrate.

Im Stadtteil Heppens realisierte die Wilhelmshavener Wohnungsbaugenossenschaft Spar + Bau zusammen mit dem Energieexperten Professor Timo Leukefeld ein Energie- und Wohnkonzept mit Zukunftspotenzial: Da sich das viergeschossige Mehrfamilienhaus selbst zu zwei Dritteln mit Wärme und Strom versorgt, können die sechs 90 Quadratmeter großen Wohnungen für eine Pauschalmiete vermietet werden. Diese beinhaltet neben den Betriebs- und Heizkosten auch den Stromverbrauch. Gebaut wurde das erste (fast) energieautarke Mehrfamilienhaus Deutschlands mit großformatigen Kalksandstein-Planelementen des Bausystems KS-PLUS.
 

Wie kann die Energiewende gelingen? Der Bausektor hat noch immer einen riesigen Energiebedarf – nicht nur in der Bauphase selbst, sondern vor allem während der Nutzung des Gebäudes. Viele Wege wurden inzwischen erdacht und umgesetzt, wie sich der Verbrauch an Strom sowie Wärmeenergie verringern lässt. Doch das Ziel sollte sein, dass ein Haus seine Energie komplett aus regenerativen Ressourcen selbst bezieht. Seit 20 Jahren entwickelt Professor Dipl.-Ing. Timo Leukefeld energieautarke Gebäude und Quartiere, die auf den kostenfreien „Rohstoff“ Sonne zur Eigenversorgung mit Strom und Wärme setzen.

Seine Energiekonzepte erweitert Leukefeld mit neuen Geschäftsmodellen, die gerade für die Wohnungswirtschaft vielversprechend klingen: Hat eine Wohnungsbaugesellschaft solche energieautarken vernetzten Gebäude im Bestand, wird sie – und damit ihre Mieter – unabhängiger von den Energieversorgern, sodass sie ihren Kunden eine auf mehrere Jahre garantierte Pauschalmiete anbieten kann. Diese enthält die Kosten für die Wohnnutzung und für den Wärme- sowie Stromverbrauch und kann um eine Flatrate für das Tanken von Elektrofahrzeugen an der hauseignen Stromtankstelle ergänzt werden. 

„Das Konzept der Pauschalmiete bietet einen großen Mehrwert für Vermieter“, sagt Professor Leukefeld. „Zum Beispiel werden mögliche Konflikte mit Mietern über die Betriebs- und Heizkostenabrechnung vermieden. Damit sinken der Verwaltungsaufwand und das Risiko, Streitigkeiten um die Nebenkosten vor Gericht auszutragen.“ Aber auch die Mieter profitierten von der Pauschalmiete, ergänzt Leukefeld, denn über die Kostensicherheit über viele Jahre hinaus erhielten sie eine bessere Wohnqualität und eine ökologische Energieversorgung. Vor allem der letzte Punkt werde von Mietern immer mehr nachgefragt, so Timo Leukefeld.

Das viergeschossige Mehrfamilienhaus in Wilhelmshaven versorgt sich selbst zu zwei Dritteln mit Wärme und Strom.

Der Energieexperte aus dem sächsischen Ort Freiberg lebt und arbeitet seit Jahren selbst in zwei energieautarken Gebäuden. Neben seiner Arbeit im eigenen Planungsbüro ist er regelmäßig in ganz Deutschland unterwegs, um seine Konzepte rund um das energetische Wohnen der Zukunft vorzustellen. Auf einem dieser Vorträge konnte er auch den Vorstand der Wilhelmshavener Spar- und Baugesellschaft (Spar + Bau) überzeugen. Der Vorstandsvorsitzende, Dieter Wohler, erklärt: „Unser Kerngeschäft ist das Instandhalten unserer 3.500 Wohnungen in Wilhelmshaven sowie Neubauprojekte. Bei diesem Wohnhaus wollten wir mit Professor Leukefeld einen neuen Weg gehen, um Erfahrungen im energieautarken Bauen zu sammeln und diese der Öffentlichkeit weiterzugeben.“ Sein Vorstandskollege Peter Krupinski ergänzt: „Der Klimaschutz spielt auch in der Immobilienwirtschaft eine große Rolle.“ 

Ein Energie- und Wohnkonzept mit Zukunftspotenzial: Das erste (fast) energieautarke Mehrfamilienhaus Deutschlands steht in Wilhelmshaven.

Über Photovoltaikmodule wird Strom und über Solarkollektoren wird Wärmeenergie für die Heizung und die Warmwasserbereitung gewonnen.

Ein Pilotprojekt wird umgesetzt.

Das Energiekonzept von Timo Leukefeld basiert auf der Nutzung der Sonne: Über Photovoltaikmodule wird Strom und über Solarkollektoren wird Wärmeenergie für die Heizung und die Warmwasserbereitung gewonnen. Um einen optimalen Ertrag zu erzielen, sind zwei Bedingungen vor dem eigentlichen Entwurf des Gebäudes zu beachten. Zum einen ist das Grundstück so auszuwählen, dass es Südausrichtung hat und nicht von Bäumen oder hohen Nachbarhäusern verschattet ist. Zum anderen ist ein steiles Dach nötig, da geneigte Solarelemente vor allem in der kalten Jahreszeit einen höheren Energieertrag haben als eine flach montierte Anlage. Professor Leukefeld dazu: „Wir haben im Winter den höchsten Energiebedarf, aber nur wenige Sonnentage. Zudem steht die Sonne äußerst tief. Mit einem Schrägdach wird die Wintersonne gut ausgenutzt.“ 

Solarkollektoren und PV-Module sowie ergänzende PV-Elemente sorgen vom Frühjahr bis zum Herbst für Wärme und Strom.

In der Vorplanungsphase berät Leukefeld den Bauherren und seinen Architekten aber nicht nur bezüglich Grundstück und Dachneigung, sondern auch zur Gebäudehülle sowie zur Integration der energietechnisch notwendigen Komponenten: Überschüssiger Strom aus der PV-Anlage wird in Batterien zwischengespeichert, ein Langzeitwärmespeicher nimmt die gewonnene Wärme aus den Solarkollektoren auf und eine Ergänzungsheizung – in Wilhelmshaven ist dies eine Gasbrennwerttherme – sorgt für zusätzliche Wärme im Winter. Für diese Anlagen ist ein ausreichend dimensionierter Technikraum einzuplanen, der darüber hinaus möglichst zentral gelegen sein sollte. Mit diesen Vorgaben entwirft der Planer anschließend das Gebäude. Das Mehrfamilienhaus in Wilhelmshaven stammt aus der Feder von Dieter Wohler selbst, Architekt und Vorstandsvorsitzender der Spar + Bau in Personalunion.

Hell und einladend: Jeweils zwei Drei-Zimmer-Wohnungen sind in den ersten drei Geschossen entstanden.

Die Architektur folgt dem Energiekonzept.

Das Wohnhaus hat eine einfache, klare Kubatur mit Satteldach. Auf jedem der drei ersten Geschosse sind jeweils zwei Drei-Zimmer-Wohnungen untergebracht, die alle der gleichen Grundrisskonzeption folgen: kleines Entree mit Bad und Abstellraum, offener Koch- und Wohnbereich, Privaträume mit Schlaf- und Kinderzimmer sowie einem weiteren Bad. Im Dachgeschoss befinden sich Trocken- und Abstellmöglichkeiten für die Mieter, da das Haus keinen Keller besitzt. Ein zentrales Treppenhaus erschließt die vier Stockwerke. Ihm gegenüber liegt der Technikraum. Dieser ist mehr als 9 Meter hoch, denn dort ist unter anderem der 20.000 Liter fassende Schichtenspeicher untergebracht. 

Alle Wohnungen haben einen direkten Anschluss an den Speicher, um mögliche Wärmeverluste gering zu halten. Solarkollektoren und PV-Module auf dem Dach sowie ergänzende PV-Elemente an den Balkonbrüstungen und an der Fassade sorgen vom Frühjahr bis zum Herbst für Wärme und Strom, im Winter springt zusätzlich die Gasbrennwerttherme an und Strom wird aus dem öffentlichen Netz bezogen. Stromüberschüsse werden in vier Akkus gespeichert, fließen in eine Ladestation für Elektrofahrzeuge vor dem Haus. Wärmeüberschüsse kommen dem Nachbarhaus zugute. Das Haus erfüllt den KfW-40-Plus-Standard, der Autarkiegrad liegt bei rund 70 Prozent. Um diesen hohen Autarkiegrad zu erreichen, ist eine konstruktiv und thermisch hochwertig ausgeführte Gebäudehülle eine Grundvoraussetzung.

Massiv gebaut in KS* Bauweise.  

Die Außenwände sind zweischalig aufgebaut: Die Innenschale besteht aus 15 cm Kalksandstein-Mauerwerk, einer 24 cm breiten Wärmedämmschicht aus Mineralwolle sowie einem 11,5 cm dicken Verblender bzw. einer 4 cm dicken Holzverschalung als äußeren Abschluss. Das Dach ist mit einer Zwischensparrendämmung aus Mineralwolle und Aufsparrendämmung aus Holzfaserplatten ausgestattet. Die Bodenplatte ist ebenfalls gedämmt. Für die Außen- und Innenwände kamen großformatige Kalksandstein-Elemente des Bausystems KS-PLUS von KS* zum Einsatz. 

Aufgrund ihres XL-Formats lassen sich mit diesem Bausystem Gebäude jeder Größe und Nutzung flexibel, schnell und wirtschaftlich errichten. Kennzeichnend für KS-PLUS ist die bedarfsgerechte Anlieferung vorkonfektionierter Wandbausätze. Ergänzend zu den Standardelementen werden hierbei alle notwendigen Passelemente computergestützt werkseitig geplant, zugeschnitten, gekennzeichnet und wandweise palettiert. Darüber hinaus bietet das Bausysteme die gesamte Bandbreite an Vorteilen, die der Baustoff Kalksandstein aufgrund seiner besonderen Eigenschaften mit sich bringt: Durch seine hohe Rohdichte und Steindruckfestigkeit ermöglicht Kalksandstein schlanke und statisch hoch belastbare Wandkonstruktionen, er sorgt für einen hervorragenden Schallschutz und ist nicht brennbar (Baustoffstoffklasse A1). 

Meike Heiner Gerdes, technischer Berater in der Bauabteilung der Wilhelmshavener Spar- und Baugesellschaft, ergänzt: „Für unser Projekt war außerdem die hohe Wärmespeicherfähigkeit von Kalksandstein wichtig, um in den Räumen ganzjährig gleichmäßig behagliche Temperaturen zu haben.“ 

Gegenüber vom neun Meter hohen Technikraum erschließt das zentrale Treppenhaus die vier Geschosse.

Die Spar + Bau setzte bereits bei vorangegangenen Neubauprojekten regelmäßig auf KS* Produkte bei der Ausführung schlanker Innenwände sowie der Hintermauerung von zweischaligen Außenwänden. Denn das schafft zusätzliche Wohnfläche, spart Material und reduziert die Baukosten. Für die technische Beratung hinsichtlich Mauerwerksbau, der Tragwerksplanung und der Bauphysik – insbesondere dem Schallschutz – stand zudem die Kalksandstein-Beratung Nord-West während der Planung und Ausführung in regelmäßigem Kontakt mit den Verantwortlichen.

Alle Wohnungen haben einen direkten Anschluss an den Speicher, um mögliche Wärmeverluste gering zu halten.

Das Haus erfüllt den KfW-40-Plus-Standard, der Autarkiegrad liegt bei rund 70 Prozent.

Folgeprojekte in Planung.

Auf der Basis der von einem Ingenieurbüro errechneten Werte für den Wärme- und Stromverbrauch konnte die Pauschalmiete ermittelt werden. Diese beträgt 10,50 Euro pro Quadratmeter und ist zunächst für drei Jahre festgeschrieben. „Die konservativ berechnete Miete, das lässt sich nach dem ersten halben Jahr Nutzung feststellen, deckt sich sehr gut mit unseren Erwartungen an den Energieertrag und -verbrauch“, sagt Meike Heiner Gerdes. Und die Mieter seien äußerst zufrieden mit dem Wohnkomfort, so Gerdes weiter, denn die Wohnungen habe man bewusst ohne viel „technischen Schnickschnack“ ausgestattet.

Mittels Heizungsthermostat regeln die Mieter die Temperatur in den Räumen und über einen Schalter die Lüftungsanlage. Im zentralen Technikraum ist ein Monitor installiert, der die aktuellen Energiedaten anzeigt.
Die Erfahrungen, die die Spar + Bau mit ihrem ersten energieautarken Gebäude macht, sollen auch in die Planung künftiger Neuvorhaben einfließen. Zusammen mit Professor Leukefeld arbeite man derzeit an einem weiteren Projekt, so Dieter Wohler. Dieses solle allerdings einen anderen Schwerpunkt im Bereich des energetischen Bauens haben. 

Ein großer Monitor, der im zentralen Technikraum installiert ist, informiert über die aktuellen Energiedaten.

Bauaufgabe
Wohnungsbau
Lage
Wilhelmshaven
Architektur/Bauplanung
Dipl.-Ing. Architekt Dieter Wohler
Bauherr
Wilhelmshavener Spar- und Baugesellschaft eG
Jahres-Primärenergiebedarf
0kWh/m²
Bauträger
Wilhelmshavener Spar- und Baugesellschaft eG
Grundfläche
997m²
Fertigstellung
Dezember 2018
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