„In Einschränkungen liegt oft großes Potential für architektonisch einzigartige Bauwerke.“

Im unterfränkischen Hösbach entwarf das Architekturbüro Bez + Kock in unmittelbarer Nähe zur Autobahn A3 ein modernes Bürogebäude für die ansässige Autobahn- und Verkehrspolizei. Mit dem präzisen dreigeschossigen Riegel beweisen die Stuttgarter Architekten, dass individuelle, hochwertige Architektur durchaus auch mit einem schmalen Budget und trotz strenger Vorgaben realisierbar ist – und zeigen gleichzeitig, wie Einschränkungen kreative Lösungen hervorbringen können. 

Jede Bauaufgabe ist einzigartig: Aus den vorgefundenen Parametern Ort, Funktion und Budget gilt es eine Architektur zu entwickeln, die über eine eigenständige Identität verfügt und einen einzigartigen Charakter besitzt. „Üblicherweise ist der Ort hierfür sehr entscheidend“, weiß Martin Bez, Architekt BDA und Geschäftsführer von Bez + Kock Architekten. „Das vorgesehene Baugrundstück – eine Wiese direkt an der Autobahn – brachte nicht viel Identität mit sich. So hatten wir die Aufgabe den Charakter aus dem Gebäude heraus zu entwickeln“, berichtet der Architekt. „Solidität und Präzision, Ordnung und Struktur waren hierbei unsere Ansatzpunkte. Werte, die auch für die Prinzipien der Polizei stehen.“ 

In unmittelbarer Nähe zur A3 befindet sich das Grundstück in Hanglage, auf dem Bez + Kock Architekten das Gebäude der Verkehrspolizeiinspektion Aschaffenburg-Hösbach realisierten.

Weitaus mehr als ein funktioneller Zweckbau: Der strukturierte, scharfkantige Riegel nimmt auf dem leicht abfallenden Grundstück wie selbstverständlich seinen Raum ein.

„Zunächst war da nicht sehr viel Freiheit.“

Gerade in der Planung einer Polizeiinspektion gibt es strenge Parameter und zahlreiche sicherheitsrelevante Aspekte, die es zu berücksichtigen gilt und die den Handlungsspielraum einschränken. „So ist es beispielsweise ganz klar, dass es nur einen geregelten, überwachten Zugang gibt und dass es auch innerhalb des Gebäudes klare funktionale Zuordnungen gibt“, berichtet Martin Bez. „Es nützt nichts, sich diesen geforderten Strukturen zu widersetzen. Vielmehr muss man als Architekt in der Lage sein, diese elementaren Bestimmungen zu ordnen, zu strukturieren und diese mit den eigenen Ideen in einem individuellen „Regelwerk“ zu vereinen. Enge Rahmenbedingungen, in diesem Fall in Form eines straffen Kostenkorsetts, betrachten wir als kreative Herausforderungen, die zu unserem Beruf dazugehören.“ 

Ästhetik in Perfektion: An den repräsentativen Haupteingang schließt sich eine offene, einläufige Treppe an, die durch Oberlichter erhellt wird und insgesamt drei Etagen miteinander verbindet.

Solide Materialien und die richtige Argumentation. 

„Wichtig ist, dass man von Anfang an in die richtige Materialschublade greift, wenn man weiß, dass das Budget eher klein ist. Bereits während der Planung haben wir uns daher mit guten soliden Baustoffen auseinandergesetzt, die hierfür in Frage kamen,“ weiß der Architekt. „Oftmals werden genau diese engen Rahmenbedingungen zum Katalysator für außergewöhnliche Ideen. Die richtige Argumentation, der Austausch und die enge Zusammenarbeit mit den Bauherren kann das Resultat entscheidend beeinflussen. Denn letztendlich ist es der Architekt, der alle Anforderungen, Wünsche und Bestimmungen in ein großes Ganzes gießt. Wir legen bei der gemeinsamen Abstimmung viel Wert darauf, alle Beteiligten von Planungsbeginn an, mitzunehmen – mit dem Ziel, Gebäude und Räume zu erschaffen, die einzigartig sind“, so Bez.

Architektonische Klarheit schafft Struktur und Ordnung.

Polizeistationen sind oftmals funktionelle Zweckbauten. Dass Recht und Ordnung auch individuell und architektonisch überaus ansprechend umgesetzt werden können, belegen die Stuttgarter Architekten mit einem soliden Gebäude, das auf dem leicht abfallenden Grundstück wie selbstverständlich seinen Raum einnimmt. So wird der Höhenunterschied des 64 Meter langen und 14 Meter breiten Riegels durch ein anthrazitfarbenes, grobkörnig verputztes, fensterloses Sockelgeschoss ausgeglichen. Großformatige weiß durchgefärbte Betonfertigteile bilden die unprätentiöse, im Vergleich zum Sockel fein strukturiert anmutende Fassade der beiden oberen Geschosse, die in Längsrichtung durch Fensterbänder mit blechverkleideten Zwischenelementen unterbrochen werden. 

„Die Topografie lieferte uns die Hauptidee für die Planung des Gebäudes und bildete gleichzeitig die Grundlage, die strengen funktionalen und sicherheitsrelevanten Vorgaben auch innerhalb des Gebäudes mit einem entsprechend strukturierten Raumprogramm erfüllen zu können“, berichtet Martin Bez. Der überwachte Hauptzugang befindet sich an der westlichen Stirnseite des Gebäudes, wo das Sockelgeschoss im Boden zu verschwinden scheint. Eine deutliche Auskragung der oberen Etage schafft eine geschützte Eingangssituation für die Besucher. Von Norden steht den Polizisten ein separater Zugang in das Sockelgeschoss zur Verfügung, indem sich Garagen, Zellen, Umkleide- und Lagerräume befinden. Auch bei dem Energiekonzept setzten die Stuttgarter Architekten auf solide Hochwertigkeit: Dank des hohen Dämmstandards ist der Wärmebedarf für das Gebäude sehr gering – die Anforderungen der gültigen EnEV werden um über 30 Prozent unterschritten.

Die Innenwände wurden als tragendes, bruchraues KS* Mauerwerk in Sichtqualität ausgeführt. Die Oberlichter und ein innovatives Beleuchtungskonzept lassen die raue Oberfläche im Streiflicht erscheinen.

Mehr als Dekoration: Von Anfang an stand fest, dass die ausgewählten KS* Steine mit der bruchrauen Oberfläche tragend vermauert werden sollten.

 

„Weiß verstärkt die Wahrnehmung von Organisation und Ordnung im Inneren.“

Der Haupteingang der Polizeistation führt auf eine repräsentative, offene Treppe, welche die drei Etagen miteinander verbindet. Die dreibündige Grundrissorganisation wird bis ins Erdgeschoss geschickt durch mehrere Oberlichter erhellt. „Die aufgeweitete Flurzone kann man fast als Fortsetzung des Außenraums oder innenliegenden Fußweg begreifen. Er bietet als Gemeinschaftsbereich ausreichend Platz für Pausen, Gespräche oder Abstimmungen“, beschreibt der Architekt diesen Bereich. „Das Sichtmauerwerk an den Wänden verstärkt den Außenraum-Charakter, da Mauerwerk in der Regel als äußerer Abschluss eines Gebäudes bekannt ist.“ 

Das Spiel mit verschiedenen Material- und Oberflächeneigenschaften ganz in Weiß: Die sehr eigenständige Kombination von bruchrauem KS* Kalksandstein, Metall und Beton ergibt einen eindrucksvollen und spannenden Kontrast.

Gearbeitet wird in den jeweils an den Längsfassaden aneinandergereihten Büros. Ein großer Unterrichts- und Seminarraum bildet den Abschluss des Obergeschosses. Fußböden, Wände, Treppengeländer und Türen erstrahlen in der „Nicht-Farbe“ Weiß. „Wir haben Weiß als verbindendes Element genutzt und gezielt verschiedene Material- und Oberflächentexturen miteinander kombiniert. Weiß verstärkt die Wahrnehmung von Organisation und Ordnung in den inneren Räumlichkeiten und untermauert das präzise, strukturierte Raumprogramm“, sagt der Architekt.

Fast wie weißer Schiefer.

„Für die Innenräume haben wir gezielt einen Baustoff gesucht, der eine ganz spezifische Anmutung und damit einen eigenen Charakter besitzt. Wir haben entdeckt, dass es Kalksandstein – der für seine Tragfähigkeit und auch seine ausgezeichneten Schallschutzeigenschaften bekannt ist – auch mit bruchrauer Oberfläche gibt. Das Material hat uns enorm gereizt, da Kalksandstein von uns zwar oft verbaut wird, meistens aber hinter Putz verschwindet und somit nicht sichtbar ist“, erklärt Martin Bez. „Der bruchraue Stein, der in seiner Gestalt fast an weißen Schiefer erinnert, bildet durch seine spezielle Oberfläche einen spannungsreichen und soliden Kontrast zu den anderen verwendeten Baustoffen, wie Beton und Metall. Die haptische Qualität und die Charakteristik sind einzigartig – gerade durch das Streiflicht, das permanent dank der Oberlichter auf das Sichtmauerwerk fällt.“

Nicht nur aus kostentechnischen Gründen stand von Anfang an fest, dass die ausgewählten Kalksandsteine von KS-ORIGINAL mit der bruchrauen Oberfläche tragend vermauert werden sollten. „Wir legen großen Wert darauf, dass wir eingesetzte Materialien nicht nur zur Dekoration verwenden. Idealerweise sollten diese gleichzeitig mehrere bauphysikalische Funktionen erfüllen“, betont Bez. 

„In Abstimmung mit unserem KS* Berater des regional benachbarten Kalksandsteinwerks haben wir eine individuelle Lösung gefunden. Zum Einsatz kamen kleinformatige – extra für unser Bauprojekt gefertigte – bruchraue KS* Steine mit einer Dicke von 15 cm. Die Rohdichteklasse von 2,0 und eine Steindruckfestigkeitsklasse von 20 sorgen für eine optimale Bauakustik zwischen den Büros und den angrenzenden Flurbereichen.“

In enger Zusammenarbeit mit den Maurermeistern wurde anhand mehrerer Musterwände, die direkt auf der Baustelle erstellt, gemeinsam betrachtet und beurteilt wurden, das ideale Fugenbild festgelegt. Die Wahl fiel dabei auf sehr helle und schmale Fugen, die ein harmonisches Farbspiel mit dem Weißton des Steins ergeben.

„Bei den rund 60 Meter langen Sichtmauerwerk-Wänden, die im Streiflicht erscheinen, kam es natürlich darauf an, dass diese in einer sehr guten Qualität gemauert werden. Auch die Platzierung von Lichtschaltern, Steckdosen, Türen und der Haustechnik galt es im Vorfeld genau zu bedenken, um ein perfektes Sichtmauerwerk mit einem aufgehenden Mauerwerksraster zu erhalten“, beschreibt Bez.

Direkt auf der Baustelle wurde das ideale Fugenbild des geplanten, tragenden KS* Sichtmauerwerks gemeinsam mit dem Maurer mittels Musterwänden erstellt.

Helle schmale Fugen ergeben ein harmonisches Farbspiel mit dem Weißton des Steins.

 „Unsere Gebäude sind immer Prototypen.“ 

„Gerade die neuen und spannenden Erfahrungen mit dem bruchrauen Kalksandstein Sichtmauerwerk haben uns gezeigt, dass wir mit jedem Bauprojekt ein Stück Erfahrung hinzu gewinnen. Letztendlich ist es unsere Neugierde, die aus jeder Bauaufgabe einen eigenständigen Beitrag zur Architektur entstehen lässt“, betont Martin Bez abschließend. Und dieser Beitrag ist von großer Bedeutung, denn „gute Architektur hält die Gesellschaft zusammen.“  

Der dreibündige Grundriss wird bis ins Obergeschoss durch mehrere, präzise gesetzte Oberlichter erhellt.

Weiß als verbindendes Element: Die Architekten kombinierten gezielt unterschiedliche Material- und Oberflächentexturen.

 

Der Kopf hinter dem Projekt.

Martin Bez studierte Architektur in Karlsruhe und Zürich. 2001 gründete er gemeinsam mit Thorsten Kock das Büro Bez + Kock Architekten in Stuttgart. Mit einem stetig gewachsenen Team von inzwischen rund 40 Architekten bearbeitet das Büro überwiegend Aufträge aus gewonnenen Architektenwettbewerben. So vielfältig die Aufgabenstellungen sind, so individuell sind auch die Häuser, die von den Stuttgarter Architekten geplant und realisiert werden. Die ganzheitliche Bearbeitung des Projekts ist für das Architekturbüro die Grundlage jeder Bauaufgabe mit dem Ziel, unverwechselbare, funktionelle und wirtschaftliche Bauwerke zu realisieren.

Bauaufgabe
Nichtwohnungsbau
Lage
Hösbach
Architektur/Bauplanung
Bez + Kock Architekten Generalplaner GmbH
Bauherr
Freistaat Bayern, Staatliches Bauamt Aschaffenburg
Grundfläche
2800m²
Fertigstellung
2018

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