Hinter der Fassade
18. Juli 2022 | Kathrin Albrecht | Hinter der Fassade

Ein Quartier entsteht: Stadt- und Landschaftsplanung Kronsrode

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Am Übergang von Stadt und Natur im Südosten Hannovers entstehen derzeit rund 4.000 Wohneinheiten. Über deren Masterplan und die Entwicklung des Quartiersparks sprachen wir mit Christoph Elsässer, dem verantwortlichen Projektleiter des Rotterdamer Planungsbüros West 8, sowie mit Prof. Irene Lohaus und Thomas Köhlmos, beide Gesellschafter von Lohaus · Carl · Köhlmos in Hannover, die für die Detailplanung des Parks verantwortlich zeichnen.

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Als 2014 der hohen Nachfrage nach Wohnraum nicht mehr allein durch innerstädtische Nachverdichtung begegnet werden konnte, beauftragte die Stadt Hannover die Stadt- und Landschaftsplaner West 8 aus Rotterdam, die Kölner Architekten und Stadtplaner ASTOC und das Verkehrsplanungsbüro SHP Ingenieure mit der gemeinsamen Entwicklung eines Masterplans für den südlichen Kronsberg. Der damalige Direktauftrag, wegen des Verzichts auf eine europaweite Ausschreibung teils kritisch in der Fachwelt diskutiert, war in erster Linie dem Wunsch nach einer möglichst schnellen Umsetzung geschuldet. Rückblickend zeigt er sich als richtige Entscheidung von Hannovers früherem Stadtbaurat Uwe Bodemann: Das gekonnte Zusammenspiel unterschiedlicher Stärken einzelner Akteure – die vielgeübte Anwendung und Umsetzung deutscher Regularien im Rahmen von Stadt- und Verkehrsplanungen einerseits und die kosmopolitische, spielerische Handschrift der niederländischen Planer andererseits – hat Kronsrode dieses besondere Gesicht verliehen.

Mensch und Natur. Immer an erster Stelle gedacht.

„Es ist wichtig, dass ein Quartier genau für den Ort geschaffen wird, an dem es entstehen soll“, so Christoph Elsässer. Für Kronsrode hat der Kronsberg Regie geführt und bildet die Grundlage der gesamten Planung. Dessen Landschaftsraum – in den Neunzigerjahren im Zuge der EXPO 2000 sehr hochwertig angelegt – wird von Osten tief in das Quartier hineingezogen und schließt so direkt an die im Westen verlaufende Stadtbahnlinie an: Von beiden Haltestellen erreicht man auf einem Spaziergang durch den Quartierspark den höchsten Punkt des Kronsbergs und damit eine der höchsten Anhöhen Hannovers.

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Christoph Elsässer, verantwortlicher Projektleiter des Rotterdamer Planungsbüros West 8.

Die topografische Besonderheit des Geländes bedeutete hohe planerische Anforderungen, da bei heftigen Starkregenereignissen das Wasser von den Tiefgaragen und dem Gleisbett ferngehalten werden muss. Gelingen wird dies dank eines bereits im nördlichen Kronsberg eingebauten und über mehr als zwei Jahrzehnte erfolgreich betriebenen Entwässerungssystems bestehend aus oberirdischen Mulden-Rigolen. Mit aufwendigen Computersimulationen wurde dieses System für die Hanglage von Kronsrode adaptiert. Entsprechend der Topografie wird das Oberflächenwasser künftig nord- und südwestlich zu zwei Punkten geleitet und dort gedrosselt in die Kanalisation abgeführt. Der meiste Niederschlag wird jedoch im Sinne eines nachhaltigen Umgangs mit der Ressource Wasser im Quartier belassen, indem er sich im Kiesbett der Mulden sammelt und nur wenn nötig, beispielsweise bei Starkregen, langsam über eine Drainage abgeführt wird. Der Großteil des versickernden Wassers wird später verdampfen und somit dazu beitragen, das Quartier abzukühlen, positiv auf das Mikroklima einzuwirken und die Biodiversität zu erhöhen. Zudem werden auf diese Weise nur sehr geringe Wassermengen der Kanalisation zugeführt, was wiederum Energie bei der Aufbereitung des Regenwassers einspart.

Das Herzstück: Quartierspark Kronsrode

Der Stadtteilpark Kronsberg-Süd, so der offizielle Name, lehnt sich an die geschwungene Topografie der Parklandschaft des südlichen Kronsberg an. Die Landschaft wird auf etwa 49.000 m2 in das Gelände hineingeführt und teilt es damit in die drei Quartiere Nord, Mitte und Süd. Dies ermöglicht eine maximale Ausrichtung der Wohnungen ins Grüne. Das zwei Kilometer lange Wegenetz stellt das verbindende Element – auch zwischen den Quartiersplätzen – dar.

Der örtliche Mergelboden wie auch die Folgen des Klimawandels bedeutete für die Landschaftsarchitekten von Lohaus · Carl · Köhlmos eine Pflanzplanung zu entwickeln, die beidem robust und zukunftsfähig begegnen kann. Orientiert haben sich Irene Lohaus und ihr Team neben aktuellen Forschungsergebnissen insbesondere an den im Kammwald des Kronsbergs gut und gesund wachsenden Baumarten, die sie in die Planung des Park integrierten. 300 in ihrem Wuchs sehr unterschiedliche Bäume werden demnächst Parkrandalleen entlang der drei Quartiere bilden, die den Schwung des Parks unterstreichen und dabei zum Kammwald hin führen. Begleitet werden sie von knapp 700 m2 Hecken, etwa 7.750 m2 extensiver Blühwiesen und 2.200 m2 Staudenflächen. Insbesondere letztere werden als Schmuckstücke die Eingänge zum Park betonen und nach Geruch und Insektenfreundlichkeit ausgesucht werden.

Auch in Bezug auf die Materialwahl sei es wichtig, den Genius Loci zu berücksichtigen, das Besondere des Ortes mit den Materialien herauszuarbeiten, so Thomas Köhlmos. Man verwende beispielsweise heimische Hölzer, baue wassergebundene Wegedecken ein und plane mit Splitten und Natursteinen aus der Region, nicht zuletzt zur Vermeidung langer Transportwege.

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Prof. Irene Lohaus und Thomas Köhlmos, beide Gesellschafter von Lohaus · Carl · Köhlmos in Hannover, und verantwortlich für die Detailplanung des Parks.

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300 in ihrem Wuchs sehr unterschiedliche Bäume werden demnächst Parkrandalleen entlang der drei Quartiere bilden, die den Schwung des Parks unterstreichen.

Fünf Quartiersplätze und großzügige begrünte Innenhöfe

In Kronsrode hat jedes Quartier eine eigene, interne Grünfläche als Quartiersplatz, auf der man sich „unter Nachbarn“ trifft. Geschäftiger, im wörtlichen Sinne, wirken zwei der Quartiersplätze an den Stadtbahnhaltestellen, weil hier vor allem Geschäfte, Gastronomie und Arztpraxen angesiedelt werden. Privates Grün finden Anwohner:innen dagegen künftig in den großzügig gestalteten Innenbereichen der einzelnen Baufelder, in denen kleine Schrebergärten, Obstwiesen und weitere Spielplätze entstehen.

Matschspielplatz auf Obstkoppel, Bewegungsparcour und Kletterpark im Lerchenhain

Drei Spielplätze im Park für unterschiedliche Altersgruppen verbindet als gemeinsame Idee Zitate der niedersächsischen Landschaft. Im Detail werden sie jedoch mit den zukünftigen Bewohner:innen von Kronsrode entwickelt. Spiel- und Bewegungsangebot lässt sich so auf die Bedürfnisse der Gruppen anpassen; gleichzeitig beweisen Erfahrungswerte einen sehr viel pfleglicheren Umgang mit den Anlagen, wenn die Nutzenden in den Gestaltungsprozess integriert und die Spielplätze damit zu „ihren Plätzen“ werden.

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Ein Gegenentwurf zum immer Gleichen

Das Individuelle im großen Neubaugebiet spielt für die planenden Väter und Mütter von Kronsrode eine große Rolle, wird dies ein „Zuhause-Gefühl“ vermitteln und zur Orientierung dienen: Den verschiedenen Straßenzügen werden unterschiedliche Baumsorten zugeordnet und entlang der großen Achsen ist Klinker für die Fassadengestaltung vorgegeben. Frei wählbar ist das Fassadenmaterial dagegen im tieferen, privateren Teil der Quartiere.

Man habe sich sehr bewusst für eine Kombination aus Geschosswohnungsbau und Townhouses entschieden, so Christoph Elsässer, damit eine Mischung der Bewohner:innen entstehen kann. Auch hier ist es die individuelle Gestaltung und Materialwahl, die neben Orientierung auch eine Diversität und Vielseitigkeit schafft, in der Gesamtheit aber eine Gemeinschaft der Bewohnenden ausdrückt. Eine künstlich geschaffene Situation, die dennoch ein entspanntes Miteinander erzeugt und zugleich die Vielfalt der Gesellschaft widerspiegelt.

Vorbilder für Integration, Urbanität und Nachhaltigkeit

Kronsrode folgt in seiner Gestaltung zwei beeindruckenden Vorbildern: Die Masterplanung bedient sich der Erfahrungen, die West 8 mit dem Quartier Nieuw Crooswijk in Rotterdam machte, während dem Quartierspark der in seinen Proportionen deutlich größere Westpark in Augsburg Pate stand – ein Projekt, für das Lohaus · Carl · Köhlmos kürzlich mit dem Deutschen Landschaftsarchitektur Preis ausgezeichnet wurden.

Hier in Hannover werden diese Vorbilder auf gelungene Weise vereint. „Wir glauben, dass es sehr, sehr wichtig ist, den öffentlichen Raum, den Grünraum, ganz eng an bauliche Entwicklungen zu koppeln“, erklärt Christoph Elsässer. Für ihn bedeute dies in der Umsetzung, so wenig Fläche wie möglich zu versiegeln, durch kompakte Bauweisen und Tiefgaragen nur unter den Gebäuden. Und Grünraum zu schaffen, der den Bewohnern zur Verfügung steht, aber in Zeiten des Klimawandels auch dazu beiträgt, dass das Klima sich nicht weiter erwärmt.

Autor
Kathrin Albrecht

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