Kronsrode Panorama
25. November 2021 | Kathrin Albrecht | Hinter der Fassade

Kronsrode. Integration. Urbanität. Nachhaltigkeit.

Hinter der Fassade

Im Südosten von Hannover entsteht derzeit das Neubaugebiet Kronsrode als Erweiterung des Stadtteils Bemerode. Über das Bauprojekt mit gut 4.000 Wohneinheiten in 37 Baufeldern sprachen wir mit Hannovers Stadtbaurat Thomas Vielhaber und der verantwortlichen Stadtplanerin Ulrike Hoff.

„Kronsrode: zum Ersten das größte Neubaugebiet Niedersachsens. Integriert geplant und integriert gedacht, aber trotzdem nicht der Wohnstandort draußen vor der Stadt, sondern ein Quartier mit urbanen Qualitäten. Gleichzeitig ein Gebiet, das eine hohe Nachhaltigkeit, eine hohe Wertigkeit, hat. Man sieht dies besonders in der Bauausführung und auch im öffentlichen Raum. Und zum Dritten erfolgte die Umsetzung zusammen mit anderen, d.h. kooperativ. Genau das macht diesen Standort aus.“ - Thomas Vielhaber

Thomas Vielhaber
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Bereits in den 1950er Jahren gab es erste Pläne zur Bebauung des gesamten Kronsbergs, eines etwa sechs Kilometer langen Hügelrücken am südöstlichen Stadtrand, der Hannover um durchschnittlich 63 Meter überragt. Die ursprünglichen Pläne wurden vier Jahrzehnte später grundlegend überarbeitet. Mit der Entscheidung für die EXPO 2000 in Hannover und der Durchführung eines städtebaulichen Wettbewerbs für eine Teilfläche des Kronsberg wurde die einstige Vision gebaute Realität. Auf Zweidrittel der Wettbewerbsfläche entstand das gleichnamige Stadtgebiet Kronsberg, hinter dem zwei Ideen steckten: Erstens war es mit seinem außergewöhnlichen ökologischen Standard ein Exponat zu dem Ausstellungsthema MENSCH – NATUR – TECHNIK. Gleichzeitig musste es als eine Art Olympisches Dorf den vielen EXPO-Mitarbeiter:innen ein Zuhause auf Zeit bieten.

Baustelle Kronsrode

Kronsrode: Integriert geplant und integriert gedacht, aber trotzdem nicht der Wohnstandort draußen vor der Stadt, sondern ein Quartier mit urbanen Qualitäten.

Obwohl der Kronsberg schon als mehrteiliges Stadtentwicklungsgebiet geplant war, wurde zur EXPO nur der Nordteil umgesetzt. 18 Jahre später folgte der Bebauungsplan für den südlichen Teil, das heutige Kronsrode. Es reichte eben nicht mehr aus, der stark steigenden Nachfrage nach Wohnraum nur mit innerstädtischen Interventionen und Nachverdichtungen zu begegnen. 

Indem sie bis 1995 große Teile der für das Projekt Kronsberg relevanten Flächen in ihre Hand gebracht hatte, konnte die Stadt Bodenspekulationen weitgehend ausschließen. Außerdem hat sie das 53 Hektar große Gebiet früh als Wohnbaufläche dargestellt – so konnte Kronsrode noch vor dem ersten Spatenstich mit zwei Stadtbahn-Haltestellen an den öffentlichen Nahverkehr angeschlossen werden und von bestehender Infrastruktur profitieren.

Kalksandstein Kronsrode

In einem kooperativen Planungsverfahren begleiten die Stadt- und Landschaftsplaner WEST 8 aus Rotterdam, die Kölner Architekten und Stadtplaner ASTOC und Hannovers Verkehrsplaner SHP Ingenieure das Wohnbaugebiet seit den Anfängen. Zusammen mit der Stadt Hannover haben sie die sogenannte „Gebrauchsanweisung“ entwickelt: ein Gestaltungshandbuch, das sich mit der im Juli 2016 vorgestellten städtebaulichen Entwurfsplanung befasst. Es stellt zum Beispiel konkrete Regeln für die Realisierung der Straßen, Parks und Plätze sowie der Baufelder und der Gebäude des neuen Quartiers auf. Die Gebrauchsanweisung diente später als Grundlage der sechs Hochbauwettbewerbe und ist bis heute ein wichtiges Instrument der städtebaulichen Qualitätssicherung.

Kalksandstein Kronsrode

Im Neubaugebiet Kronsrode sollen in drei Bauabschnitten rund 4.000 Wohneinheiten entstehen.

„Die Vorgabe war, dass tatsächlich in jedem Baublock dieses Viertel an geförderten Wohnung ist – die man nicht sieht, weil sie dem gleichen Gestaltungsanspruch und dem gleichen baulichen Zusammenhang entsprechen" - Ulrike Hoff

Ulrike Hoff

Thomas Vielhaber, nach seiner Vision für Hannover gefragt, benennt die 17 Sustainable Development Goals (SDGs), die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen, als Guideline für zukünftiges Bauen. Nicht nur wolle man eine resiliente Stadt entwickeln, sondern auch eine neue Rolle in Bezug auf ihre umliegenden Gemeinden: Statt Konkurrenz müsse es in Zukunft um Arbeitsteilung gehen. Nur so, sagte der Stadtbaurat, lasse sich die nötige hohe Nachhaltigkeit erzielen.

Ehrlicherweise muss man sagen, dass das Baugebiet – dafür, dass es mit zukunftweisenden Zielen zur sozialen und ökologischen Nachhaltigkeit in Verbindung gebracht wird – eher konventionell anmutet. Frau Hoff verweist darauf, dass man zwischen zwei schwer vereinbaren Aspekten abzuwägen hatte: Will man ein öko-soziales Leuchtturmprojekt oder schnellen bezahlbaren Wohnraum? Als Kompromiss und im Sinne eines sorgsamen Umgangs mit Grund und Boden ist, einerseits, ein kompakter Bebauungsansatz mit meist viergeschossiger Höhe und langlebigen, nachhaltigen Klinkerfassaden gewählt worden. So entsteht eine für die Stadtrandlage eher ungewöhnliche Dichte. Andererseits sollen alle Innenhöfe grün gestaltet und autofrei sein. Dafür werden Tiefgaragen unter allen Baufeldern errichtet. Die städtischen Standards zu energetischen und anderen ökologischen Aspekten liegen über den gesetzlichen Forderungen und sind verpflichtend für die in Kronsrode Bauenden. Das gilt auch für eine Materialliste, die FCKW, Biozide, Formaldehyd, Isocyanate oder Tropenholz verbietet und den Gebrauch anderer Materialien wie Aluminium und PVC weitestgehend einschränkt.

Das Quartier muss sich zwei weiteren großen Herausforderungen stellen. Kronsrode liegt in relativ steiler Hanglage mit Gefälle in Richtung Stadtbahn. Um die Tiefgaragen, das Gleisbett und natürlich auch die Wohnungen bei Starkregen vor Flutung zu schützen, bedurfte es mehrerer Maßnahmen. Allen voran seien frühzeitige Computersimulationen benannt, auf deren Basis die Höhenlagen und Neigungen der Straßen feinteilig festgelegt wurden.

Zudem grenzt Kronsrode an das Gewerbegebiet Stockholmer Allee. Neben einer entsprechenden Grundrissorientierung, gebäudehohen Glaswänden und besonderen Fensterkonstruktionen wird dem (aus den Emissionsrechten der Grundstücke abgeleiteten) theoretisch möglichem Lärm mit geeigneten Baustoffen begegnet. Das ist, vor allem, ein Kalksandstein von KS*, der zu 70 % im gesamten Baugebiet und zu 100 % entlang der Kante zu Stadtbahn und Gewerbegebiet eingesetzt wird.

Autor
Kathrin Albrecht

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