6. November 2026 | Giovanna Reinecke | Einfachheit | Kostengünstiges Bauen | Nachhaltiges Bauen | Serielles Bauen

Was braucht ein Gebäude wirklich?

Einfachheit

Einfaches Bauen statt immer neuer Regelungen und technischer Überfrachtung: Mit einem Manifest aus zehn Prinzipien und einem konkreten Typengebäude setzt KS-ORIGINAL neue Impulse für den Wohnungsbau. Geschäftsführer Peter Theissing erklärt im Interview, warum weniger Komplexität nicht weniger Qualität bedeutet und wie sich die Idee in die Planungspraxis übertragen lässt.

Wir müssen uns wieder stärker darauf konzentrieren, was ein Gebäude wirklich braucht, damit es entsprechend seiner Aufgabe funktioniert.

Portrait Peter Theissing

Peter Theissing, Geschäftsführer der KS-ORIGINAL GMBH, im Interview zum Einfachen Bauen.

Peter, Bauen ist in den vergangenen Jahren immer aufwendiger und teurer geworden. Haben wir das einfache Bauen verlernt?

Ein Stück weit schon. Über Jahrzehnte ist das Bauen immer komplexer geworden – technisch, konstruktiv und bei den Ausstattungsstandards. Vieles davon ist sinnvoll, aber wir sollten uns häufiger fragen, welchen tatsächlichen Mehrwert eine Anforderung oder technische Lösung bietet. Nicht alles, was machbar ist, ist auch sinnvoll. Wir müssen uns wieder stärker darauf konzentrieren, was ein Gebäude wirklich braucht, damit es entsprechend seiner Aufgabe funktioniert.

KS-ORIGINAL hat deshalb ein Manifest zum Einfachen Bauen veröffentlicht. Was steckt dahinter?

Mit dem Manifest möchten wir zum Umdenken anregen. Es formuliert zehn Prinzipien, die dabei helfen sollen, Planungsentscheidungen bewusster zu treffen und unnötige Komplexität zu vermeiden. Das beginnt bereits in der Leistungsphase 0 mit der Frage, was die späteren Nutzerinnen und Nutzer tatsächlich benötigen. Es geht darum, mit angemessenen Mitteln gute, langlebige und bezahlbare Gebäude zu schaffen. Letztendlich ist es ein Appell für eine Baukultur der Klarheit, Verantwortung und Dauerhaftigkeit 

Was bedeutet das konkret für die Architektur?

Nehmen wir beispielsweise das Tragwerk. Wenn tragende Wände konsequent übereinander angeordnet werden, lassen sich Lasten einfacher abtragen und konstruktive Sonderlösungen vermeiden. Tragende Innenwände reduzieren Deckenspannweiten und damit Deckendicken. Oder die Gebäudetechnik: Wenn Küchen und Bäder sinnvoll angeordnet werden, können Installationen gebündelt und Versorgungsschächte reduziert werden. Das sind keine spektakulären Neuerfindungen. Es sind häufig ganz grundlegende planerische Entscheidungen, die in ihrer Summe einen großen Unterschied machen. Entscheidend ist, dass Architektur, Konstruktion und Technik von Anfang an gemeinsam gedacht werden.

Um zu zeigen, wie das in der Praxis funktionieren kann, haben Sie das Typengebäude Einfaches Bauen entwickelt. Was ist die Idee dahinter?

Wir wollten es nicht bei theoretischen Forderungen belassen, sondern zeigen, wie sich unsere Prinzipien tatsächlich in einem Gebäude umsetzen lassen. Gemeinsam mit redante haun architekten / Stammer Innenarchitektur und der Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen e. V. haben wir deshalb ein übertragbares Entwurfsmodell für den mehrgeschossigen Wohnungsbau entwickelt. Das Grundmodell ist ein viergeschossiges Mehrfamilienhaus plus Staffelgeschoss in massiver Kalksandstein-Bauweise mit 14 barrierefreien Wohneinheiten. Es basiert auf einem einheitlichen Konstruktionsraster, wiederkehrenden Grundrissen und einer gezielt reduzierten Gebäudetechnik. Dabei haben wir jede Entscheidung hinterfragt: Brauchen wir einen Keller? Wo lassen sich Installationen bündeln? Welche Bauteilabmessungen sind tatsächlich erforderlich? Und wie können wir die Grundrisse so gestalten, dass das Gebäude auch langfristig nutzbar bleibt? Sehr stolz sind wir darauf, dass wir es geschafft haben, ein Typengebäude zu entwickeln, das an alle 16 Landesbauordnungen angepasst werden kann.

Wenn möglichst viel vereinfacht wird, bleibt dann noch genügend Spielraum für individuelle Architektur?

Unbedingt. Unser Typengebäude kann zwar eine Blaupause sein, aber es ist kein starres System, das überall identisch gebaut werden soll. Es ist vielmehr eine Grundlage, die Planenden Orientierung bietet und an unterschiedliche Anforderungen angepasst werden kann. Das Gebäude lässt beispielsweise verschiedene Fassadengestaltungen zu. Grundrisse sind flexibel gedacht, sodass das Wohnungsangebot auf zukünftige Bedarfe reagieren kann. Auch vorgestellte Balkone, ein außenliegender Aufzug oder unterschiedliche Geschossvarianten sind möglich. Einfachheit und gestalterische Qualität schließen sich nicht aus. Im Gegenteil: Eine klare konstruktive Struktur kann helfen, sich wieder stärker auf die wesentlichen architektonischen Fragen zu konzentrieren.

Lässt sich der Vorteil des einfachen Bauens auch in Zahlen ausdrücken?

Ja. Die begleitende Untersuchung der ARGE zeigt, welches Potenzial in diesem Ansatz steckt. Gegenüber dem untersuchten Referenzgebäude konnten wir bei gleicher Außenkubatur die Anzahl der Wohnungen von zwölf auf vierzehn erhöhen. Die Wohnfläche wächst um 36 auf insgesamt 889 Quadratmeter. Auch bei den Kosten zeigen sich deutliche Unterschiede. Für das Grundmodell wurden in den Kostengruppen 200 bis 700 Einsparpotenziale von bis zu 1.207 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche gegenüber der gebauten Praxis in Schleswig-Holstein ermittelt. Hinzu kommt ein geringerer Materialeinsatz. In der betrachteten Primärkonstruktion ergibt sich für die Herstellungsphase A1 bis A3 ein CO₂-Einsparpotenzial von rund 25 Tonnen. Natürlich lassen sich diese Ergebnisse nicht pauschal auf jedes Bauvorhaben übertragen. Sie zeigen aber sehr deutlich, wie viel sich bereits durch die Optimierung der Primärkonstruktion und der Grundrissplanung  erreichen lässt.

Welche Rolle spielt Kalksandstein bei diesem Konzept?

Kalksandstein eignet sich aufgrund seiner bauphysikalischen und konstruktiven Eigenschaften für diesen Ansatz. Seine hohe Druckfestigkeit ermöglicht schlanke tragende Wandquerschnitte. Gleichzeitig unterstützt die hohe Rohdichte den baulichen Schallschutz. Uns ging es insbesondere darum, den Fokus auf eine materialgerechte Konstruktion zu legen, welche letztlich zu einem wirtschaftlichen,  funktionalen und auch aus ökologischer Sicht verantwortungsvollen Gesamtgebäude beitragen kann.

Was wünschen Sie sich, dass Architekt*innen und Planende aus dem Manifest und dem Typengebäude mitnehmen?

Vor allem den Mut, Gewohntes zu hinterfragen. Wir müssen nicht jede technische Möglichkeit ausschöpfen und nicht jeden Ausstattungsstandard zur Selbstverständlichkeit machen. Das Manifest soll dazu anregen, wieder stärker über das Wesentliche zu sprechen. Und unser Typengebäude soll zeigen, dass sich diese Gedanken tatsächlich umsetzen lassen – und das mit einem deutlichen Einsparpotenzial bei Baukosten und CO₂.

Mehr erfahren: Einfaches Bauen in der Praxis

Wie lassen sich die zehn Prinzipien des Manifests in konkrete Planungsentscheidungen übersetzen? Auf bauteinfach.de stellt KS-ORIGINAL das Manifest sowie das Typengebäude Einfaches Bauen mit seinen konstruktiven Ansätzen, Grundrissen und Varianten vor. Ergänzende Untersuchungen der ARGE verdeutlichen die wirtschaftlichen und konstruktiven Potenziale des Konzepts.

Autor
Giovanna Reinecke

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